Bossing Images
Macht der Bilder, queere Kunst und Politik

Veranstaltungsreihe , Januar - Juni 2012, NGBK Berlin

Macht durchdringt die Beziehungen zwischen Bildern und ihren Betrachter_innen. Und auch in der visuellen Produktion vollzieht sich ein Ringen mit Bildern. Bossing Images inszeniert Begegnungen zwischen einer künstlerischen Arbeit, dem Publikum sowie je zwei mit Bildern arbeitenden Gästen und fragt: Wie lassen sich Machtrelationen in Produktion und Rezeption in Bewegung versetzen? Der Titel spielt mit Doppeldeutigkeit: Er nennt das Bild Boss, sieht aber auch, wie es herumkommandiert oder funktionalisiert wird. Zugleich wirft Bossing Images die Frage nach den Kontexten und Bedingungen auf, unter denen Bilder Macht entfalten. Bossiness ist hierarchisch, machtgesättigt, von Begehren durchdrungen – und beinhaltet Momente des Scheiterns.

Die vier Abende lenken die Aufmerksamkeit insbesondere auf Bilder, die Geschlechter ambivalent, Begehren queer und Körper freaky erscheinen lassen oder auf andere Weise normative Vorstellungen und Erwartungshorizonte herausfordern. Welche Formen, Dynamiken oder Konstellationen sind es, die normalitätsstiftende Effekte untergraben? Was bedeutet es, sich künstlerisch oder kuratierend, vermittelnd, schreibend, als Kritiker_in oder als Publikum mit diesen Bildern zu befassen? Welche Macht hat die anwesende künstlerische Arbeit, in das Geschehen des Abends einzugreifen? An jedem der Abende sollen unterschiedliche Formate erprobt werden, um Machtverhältnisse anfechtbar und Begehren produktiv werden zu lassen. Unter welchen Umständen lässt sich diesbezüglich von queer/ing art sprechen?

Bossing Images ist ein Projekt der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst NGBK (http://ngbk.de), organisiert von Antke Engel and Jess Dorrance (Institute for Queer Theory), unter Mitwirkung von Renate Lorenz.

Infos

Genauere Infos zu den einzelnen Abenden jeweils kurz vorher hier auf der Website oder per email (bitte anmelden unter: news(at)queer-institut.de)

Zeit: jeweils 19.00
ab 19.00 Salon: Kunst trifft auf Betrachter_innen
ab 20.00 Ereignis: zwei geladene Gäste mischen sich ein

Ort: Neue Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst NGBK (http://ngbk.de)
Veranstaltungsraum (1. Stock)
Oranienstraße 25, 10999 Berlin (U-Kottbusser Tor)

Sprache: meist auf deutsch, Flüsterübersetzung wird angeboten

Publikation: erscheint Herbst 2012 - ISBN 978-3-938515-45-7

Blog: > http://bossingimages.tumblr.com

Montag 23.01.2012 

MASKIERTE ÖFFENTLICHKEITEN / MASKED PUBLICS

In welcher Maskierung gewinnen Öffentlichkeiten Macht? Welche Bilder können gehört, welche Sprache kann sichtbar werden?

Eingeladen sind: Sharon Hayes Installation I March In The Parade of Liberty But As Long As I Love You I’m Not Free (2007/08), Danica Dakić (Düsseldorf) und Clarissa Thieme (Berlin).

Sharon Hayes: I March In The Parade of Liberty But As Long As I Love You I’m Not Free, 2007/08, performance foto, Courtesy: Sharon Hayes.

Sharon Hayes’ Audio-Installation I March In The Parade of Liberty But As Long As I Love You I’m Not Free (2007/08) präsentiert eine höchst ungewöhnliche Form von politischem Protest: Kommt hier eine Anti-Kriegs-Demonstration maskiert als Liebeskummer daher? Erscheint der Schmerz des Verlassenwerdens in der Maske der politischen Kämpferin? Entsteht ein Raum für öffentliches Trauern – ganz gleich ob Krieg, HIV/AIDS oder politische Desillusionierung die Liebsten genommen haben? All dies zugleich?

Die Filmemacherin Clarissa Thieme und die Künstlerin Danica Dakić bringen zwei eigene Arbeiten mit, um einen Raum des gemeinsamen Austausches – miteinander, mit  Hayes' Beitrag und mit dem Publikum – zu schaffen. In Anbetracht der Nachwirkungen des Bosnienkrieges regen First Shot (Dakic 2007/08) und Was bleibt (Thieme 2010) ihrerseits dazu an, über künstlerische Praxen als ein Herstellen und Umarbeiten von Öffentlichkeiten nachzudenken – und werfen Fragen auf: Welche Stimme spricht? Wer soll, wer kann hören? Welche Sprache kann sichtbar werden? Welche Bilder gewinnen Macht – vieleicht gerade dann, wenn sie maskiert daherkommen?

Von 19-20 Uhr besteht die Möglichkeit, sich im Rahmen eines Salons mit den drei Arbeiten vertraut zu machen und erste Gespräche zu führen.

Von 20-22 Uhr treten die geladenen Gäste gemeinsam mit dem Publikum in einen Austausch mit den künstlerischen Arbeiten und befassen sich mit der Bossiness von Bildern und der Frage, was "maskierte Öffentlichkeiten" politisch und ästhetisch bedeuten können.

Die Veranstaltung findet auf deutsch statt, doch aus dem Publikum können gerne auch englische Beiträge kommen (oder jede andere Sprache, für die sich Übersetzer_innen finden).

> pdf und bios

Montag 26.03.2012

KONTAMINIERENDE KOLLABORATION/ CONTAGIOUS COLLABORATION

Durchziehen Machtkämpfe jegliche Zusammenarbeit? Steckt dies die Bilder an, mit denen gearbeitet wird? Verleiten sie zur Zusammenarbeit? Und verbreiten dann ihrerseits den Virus der Kollaboration?

Eingeladen sind: Helen Chadwicks S-8 Dokumentation einer Performance Domestic Sanitation (1976), Renate Lorenz (Berlin) und Sandra Ortmann (Berlin).

Helen Chadwicks Performance-Stück Domestic Sanitation (1976), grobkörnig festgehalten auf Super 8 Film, zeigt Frauen, die . . . mit Dingen beschäftigt sind. Im ersten Teil, Latex Glamour Rodeo, streifen Diven in Latex durch ihre unterirdischen Gemächer, wo sie einer Serie merkwürdiger Handlungen nachgehen, z.B. sich gegenseitig das Schamhaar kämmen. Im zweiten Teil, Bargain Bed Bonanza, setzen sich vier Betten in Szene – sie rauchen, tanzen, staubsaugen und benehmen sich allgemein daneben.

Die Gäste Renate Lorenz und Sandra Ortmann begleiten den Abend, indem sie Elemente von Kollaboration, Kontaminierung, Queerfeminismus und insbesondere BDSM heranziehen, um einen Rahmen für die Diskussion mit und über Domestic Sanitations herzustellen. Welche Rolle nehmen die Performer – und auch die Gäste – während ihrer Performance ein, und warum? Welche Regeln werden im Zuge künstlerischer, sexueller und ökonomischer Kollaborationen aufgestellt und gebrochen? Wo finden Kunstwerke ihre Grenzen, wo verlaufen die Grenzen unserer Beziehung zu ihnen, und was passiert, wenn sie überschritten werden?

Vor Beginn der Veranstaltung, pünktlich um 19.00 Uhr und 19.30 Uhr, wird es zwei Screenings von Domestic Sanitation geben. Die Live-Performance/Diskussion beginnt um 20.00 Uhr. 

Die Veranstaltung wird in Deutsch und Englisch stattfinden. Spontanübersetzung wird angeboten (Deutsch-Englisch, Englisch-Deutsch sowie auch in andere Sprachen, soweit möglich). Alle sind eingeladen, sich in der Sprache zu beteiligen, in der sie sich am wohlsten fühlen.

Helen Chadwick: Domestic Sanitation, 1976, still of a S-8 documentation of a performance, Courtesy: LUX (org.uk).

Helen Chadwick (1953-1996, GB) ist eine Multimedia-Künstlerin, deren eigenwillige, oft provokative Arbeiten sich mit Gender und Sexualität, Körper und Selbst auseinandersetzen. Chadwicks frühe Arbeiten stehen im Kontext feministischer Debatten um die in den 70er und 80er Jahren leidenschaftlich umkämpfte Repräsentation von “Frauenkörpern”. In ihren frühen Werken setzt Chadwick häufig den eigenen Körper ein, um Vorstellungen weiblicher Rollen und Ideale herauszufordern. In späteren Jahren wendet sich ihre künstlerische Arbeit abstrakteren Strategien der Darstellung und Aushandlung von Körpern zu. Chadwick bringt unter anderem menschliche und tierische Körperteile und Innereien zum Einsatz. In Piss Flowers (1991-1992) erstellt sie eine Reihe plastischer Abgüsse aus in den Schnee gepinkelten Blumen. Chadwick wurde 1987 als eine der ersten Frauen für den britischen Turner Preis nominiert. 1996 starb sie überraschend an einer seltenen Virusinfektion.

Sandra Ortmann ist eine queerfeministische Aktivistin, Kunstvermittlerin, Psychologin und Burlesque Performerin. Von 2008 bis Ende 2011 leitete sie die Kunstvermittlung in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel, davor machte sie Führungen auf der 5. berlin biennale und der documenta 12. Aktuell ist sie mit der maybe education der dOCUMENTA (13) befasst. Der Fokus ihrer künstlerischen Arbeiten liegt auf performativen, konzeptuellen und (links)-radikalen Herangehensweisen, am liebsten mit den Sissy Boyz. Sie buchte Shows für Lynn Breedlove, war Sängerin der Punkband „too rude to be cute“, spielte in Katrina Daschners Film Aria de Mustang und konzipiert Workshops zu BDSM und Queer, sowie zu (performativer) Kunstvermittlung in Museen. Im Jahr 2001 veröffentlichte sie mit Uta Busch die Video- dokumentation step up and be vocal – Interviews zu Queer Punk und Feminismus in San Francisco, 2003 das Zine you rock my world sowie seit 2007 zahlreiche Aufsätze zu kritischer und performativer Kunstvermittlung.

Renate Lorenz arbeitet als Künstlerin und als freie Autorin, vor allem in den Bereichen Queer- und Kunsttheorie. Ihre künstlerischen Arbeiten mit Pauline Boudry greifen Archive historischer (Porträt-) Fotografie und historischer Filme auf. Fokus ist die Geschichte sexueller und geschlechtlicher Diskurse und Praktiken und die Bedeutung von „Sichtbarkeit“ (www.boudry-lorenz.de). Ihre letzten Arbeiten sind No Future/No Past (Venice Bienniale 2011, The Power Plant, Toronto) und Toxic (Paris Trienniale 2012). Ihre aktuellen Veröffentlichungen heißen Temporal Drag (Hatje Cantz, Ostfildern, 2011, mit P. Boudry) und Queer Art (Transcript, Bielefeld, 2012). Sie ist Professorin für Kunst und Forschung an der Akademie der Bildenden Künste Wien.

Freitag 04.05.2012

EKSTATISCHE KÖRPER / ECSTATIC BODIES

Am dritten Abend der Veranstaltungsreihe Bossing Images geht es um das Verhältnis von Körpern, welche sich in Ekstase ausdehnen, und Körpern, die umhüllt, klar begrenzt und konzentriert sind. Zum Auftritt kommen sich wandelnde Körper und Begehren, die ihre eigenen Grenzen überschreiten, sowie installierte Körper, die „Objektophilie“ inspirieren, wie Jakob Lena Knebl es nennt. Sind diese Körper Bilder? Und wenn ja, welchen Formen der Bossiness sind sie zugetan oder unterworfen? Was passiert, wenn ein Körper, wie in Elodie Pongs Video Je Suis Une Bombe (2006), beansprucht, explosiv zu sein? Kann diese Intensität den Status des Körpers als Objekt unterminieren – oder ihn sogar sprengen? Was geschieht, wenn, wie Tim Stüttgen vorschlägt, sprachliche Netze aus Zeichen und Figuren Macht/Körper und Macht/Wissen verschränken, überschreiben oder queeren? Neben den drei genannten Gästen wird auch Hans Scheirl, Maler, Videokünstler, und Performer, zu den Ekstatischen Körpern erwartet.

Eingeladen sind: Elodie Pongs Video Je Suis Une Bombe (2006), Jakob Lena Knebl (Wien) und Tim Stüttgen (Berlin), special guest: Hans A. Scheirl (Wien).

Elodie Pong: Je Suis Une Bombe, 2006, video still, Courtesy: Elodie Pong.

Jakob Lena Knebl ist Performance Künstler_in aus Wien. Mit Humor und häufig sehr persönlicher Herangehensweise erfreut sich Knebls Arbeit an den Lüsten von Körpern, die Standards und Erwartungen sozialer Normen und Moral unterlaufen. Identitäten und soziale Begegnungen können, wie die Performances verdeutlichen, nicht ohne Beteiligung des sexuellen Körpers erfahren werden – eines Körpers, der offen ist für oder sich sogar sehnt  nach Dekonstruktion und Queering. Knebl präsentierte Performances zusammen mit Heimo Zobernig am Mumok, Wien (2009), bei Ich tier-Du Mensch, Perla Moda, Zürich (2010), Hard To Sell-Good To Have, Palais Sturany, Wien (2010), Open up Communication, Tanzquartier Wien (2009), Beautycontest, ACF, New York (2011), Reality Manifestos – Can Dialectics Break Bricks, Kunsthalle Exnergasse, Wien (2012), Camp/Anticamp, Hau 2, Berlin (2012). Ein weiterer Auftritt wird noch dieses Jahr bei Trans*_Homo*, Schwules Museum, Berlin, stattfinden. Vor der Zeit als Künstler_in hat Knebl neun Jahre in der Altenpflege gearbeitet. 

Tim Stüttgen hat Film, freie Kunst sowie Gender_Queer Studies in London, Hamburg, Maastricht und Berlin studiert. Er setzt sich mit der Geschichte von Pornographie und PostPorn auseinander, mit Performance Kunst, der visuellen Geschichte von Schwarzer Befreiungspolitik und Post/Sklaverei, mit Sexarbeit, Michel Foucault und Gilles Deleuze/Félix Guattari. Als Kurator und Aktivist hat Stüttgen Symposien, Konferenzen und Festivals organisiert: Post / Porn / Politics (2006, Volksbühne, Berlin), Genderpop! (2008, Goethe-Institut, Athen), and What’s Queer About Queer Pop? (2010, Hebbel-Am-Ufer, Berlin). Er schreibt für politische und Kultur-Magazine in Deutschland, Österreich und der Schweiz und hat in den vergangenen sechs Jahren als drag queen Timi Mei Monigatti performed. Stüttgen lebt und arbeitet in Berlin. Seine jüngste Veröffentlichung ist Post Porn Politics – The Symposium Reader (2009, b_books, Berlin). 

Elodie Pong ist Künstlerin und Filmemacherin. Ihre Arbeiten befassen sich mit individueller und kollektiver Identität und den Möglichkeiten ihrer Dekonstruktion, mit Zeichen und Systemen der (Fehl-)Kommunikation, und den diversen Dimensionen postmodernen Lebens. So hat Pong beispielsweise eine Begegnung zwischen Karl Marx und Marilyn Monroe auf die Bühne gebracht (After the Empire, 2008), einen pole-dancing Pandabär demaskiert (Je suis une bombe, 2006) und klassische Filmsequenzen vernäht, die sich mit “dem Ende” befassen (Endless Ends, 2009). Pong hat ursprünglich Soziologie und Anthropologie studiert. Als Künstlerin hat sie verschiedene Preise und Stipendien erhalten und sowohl in Gruppen- als auch Einzelaustellungen international präsentiert. Sie lebt und arbeitet in Zürich.

Freitag 01.06.2012

ENTGRENZENDE LINIEN / DECENTERING LINES

Welche Linien sind es, die keine Grenze ziehen? Wie gelingt es, dass sie das Zentrum verschieben oder auflösen?

Eingeladen sind: Arbeiten von Laylah Ali, Nana Adusei-Poku (Berlin) und Coco Fusco (New York).

Laylah Ali: Untitled, 2005, gouache painting, Courtesy: Laylah Ali.

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