sexualpolitiken, recht und repräsentation
mai 2007 - ein veranstaltungskonglomerat
Vortrag 18. Mai 2007
Sexual Politics, Torture, and Secular Time
Judith Butler (UC Berkeley, California)
Workshop 19. Mai 2007
Queer, Sexualpolitiken und der Menschenrechtsdiskurs
Ausstellung 16. - 30. April
Behauptungen ausstellen :: Haltungen einnehmen :: Strike a pose!
kuratiert von Chris Regn (galerie broll / bildwechsel)
Workshop im Vorfeld der Ausstellung 27-29. April 2007
Queer Kunst Machen
Filmabend 12. Mai 2007
Die gefühlte Hose
Queer Monday 14.Mai 2007
Evi Nic und C, Bounty und Band,
Entwickelt und veranstaltet in Kooperation mit
Susanne Krasmann (PD Institut für Kriminologische Sozialforschung, Uni Hamburg)
Chris Regn (galerie broll / bildwechsel) und
Stefanie Bentrup, Wiebke Frieß, Do. Gerbig, Claudia Jachnik, Janna Joke Janssen, Janina Johannsen, Melani Klaric´, Karin Kröll.
Hervorgegangen aus dem Projekt „Queer und der Menschenrechtsdiskurs eine skeptische Annäherung mit Blick auf Transgender und Intersex-Politiken“ (Oktober 2006 März 2007, Institut für Queer Theory in Kooperation mit der QueerAG der Uni Hamburg und der Gruppe 1-0-1 intersex, Berlin).
Gefördert durch: Frauenförderung der Universität Hamburg, Gemeinsame Kommission Frauenstudien/Frauenforschung und private Spenderinnen. In Kooperation mit Umdenken. Politisches Bildungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg e.V. (www.umdenken-boell.de)
vortrag
Sexualpolitiken sind ein kontroverses Feld gesellschaftlicher Auseinandersetzungen Abtreibungsrecht, HIV/Aids-Prävention, das Adoptionsrecht für Lesben und Schwule, Drag King Shows, die so genannten Homo-Mahnmale in Wien und Berlin oder die Kritik der Intersexualitätsbehandlung als Menschenrechtsverletzung können als aktuelle Beispiele gelten. Der Vortrag der US-amerikanischen Philosophin und Gender/Queer Theoretikerin Judith Butler (UC Berkeley) am 18. Mai in Hamburg eröffnet unter dem Titel "Sexual Politics, Torture, and Secular Time" einen weiteren brisanten Zusammenhang, nämlich die Verschränkung von Sexualpolitiken und Migrationspolitiken bzw. von heterosexueller Normativität, Anti-Islamismus, globaler Sicherheitspolitik.
Die westlichen Gesellschaften der Gegenwart sind, so Butlers These, von einem Fortschrittsmodell geprägt, dass die säkulare Variante einer Zivilisierungsmission darstellt, die nicht unbedingt weniger dogmatisch ist als religiöse Fundamentalismen. Sie zeigt, wie dieses Modell rassistische Migrationspolitiken und heteronormative Sexualpolitiken so miteinander verschaltet, dass Rassismus und Homophobie gerechtfertigt und sogar Folterpraxen als Instrumente des Fortschritts präsentiert werden. Ihr philosophisches Argument, dass der abendländische Freiheitsbegriff zum Instrument des Zwangs und der Gewalt wird, ist eingebettet in konkrete politische Analysen, z.B. der Einbürgerungstests in den Niederlanden, des patriarchalen, nationalen Selbstverständnis in Frankreich, oder der Kriegspraxen der Bush-Administration im Irak und in Afghanistan. Eine Auseinandersetzung mit den Bildern sexualisierter Folterszenarien aus Abu Ghraib demonstriert die Spannweite ihres Arguments. Für die bundesdeutsche Debatte bieten Butlers Überlegungen vor allem im Hinblick auf den von Innenminister Schäuble jüngst initiierten "Dialog mit dem Islam" und die Integrationspolitik kritische Anregungen.
Sexual Politics, Torture, and Secular Time
Judith Butler
Certain secular conceptions of history and of what is meant by a “progressive” position within contemporary politics rely on a conception of freedom that is understood to emerge through time, and which is temporally progressive in its structure. I want to suggest that this link between freedom and temporal progress is sometimes invoked precisely as a rationale and instrument for certain practices of coercion. This presents those of us who have conventionally understood ourselves as advocating a progressive sexual politics in a rather serious bind. I would ask us to consider the ways in which sexual politics has become bound up with state coercion and state-induced forms of abjection, with immigration politics, with anti-islamic racism, and even with torture.
Mitschnitt des Vortrags auf Radio FSK
- Freies Sender Kombinat Hamburg: www.fsk-hh.org
Montag, 2. Juli, 14 bis 16 Uhr.
Sonntag, 29. Juli 13-15 Uhr
radiofrequenz: 93,0
oder 101,4 im kabel
Der Vortrag kann als Audio/Video-Version auf DVD gegen Unkostenbeitrag/Spende bestellt werden: mail(at)queer-institut.de
Außerdem:
>Judith Butler im Interview mit Nina Schulz
>Judith Butler interviewd by Nina Schulz


fotos: christiane stephan
Judith Butler (University of Berkeley, California)
kurzbiographie
Judith Butler ist Maxine Elliot Professor am Department of Rhetoric and Comparative Literature an der University of California, Berkeley. Die Philosophin, die sich durch ihre Arbeiten zu poststrukturalistischer Subjektkritik auszeichnet, ist international bekannt durch ihre dezidierten Beiträge zur feministischen Theorie und zur Queer Theory. In Deutschland haben ihre Bücher "Das Unbehagen der Geschlechter" und "Körper von Gewicht" bereits Anfang der 1900er engagierte und kontroverse Debatten ausgelöst. Erstmals ist auf dem Hintergrund dieser Bücher im breiteren Rahmen diskutiert worden, welch zentrale Bedeutung normative Heterosexualität und rigide Zweigeschlechtlichkeit für die Ausbildung einer sozial verständlichen Subjektivität haben und welche Zwänge und Ausgrenzungen damit einhergehen.
In ihren jüngeren Publikationen befasst sie sich mit Gewalt, insbesondere mit der Gewalt, die es bedeutet, jemandem den Status des Menschlichen abzusprechen. Dass dies im Kontext internationaler Politik bedeutsam ist, verdeutlicht sie in dem Buch "Precarious Life / Gefährdetes Leben" (2003), mit dem Butler auf die Ereignisse des 11. September reagiert. Die Aufsatzsammlung "Undoing Gender" (2004) stellt die Frage nach politischen Handlungsmöglichkeiten unter Bedingungen der Gewalt, eine zentrale Frage ihrer aktuellen geschlechter- und sexualpolitischen Überlegungen, die, wie sie im Vortrag deutlich macht, unmittlebar verknüpft ist mit der Verankerung von Rassismus und Eurozentrismus in westlich-abendländischen Gesellschaften.
jüngste veröffentlichungen
Kritik der ethischen Gewalt, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 2003; in English: Giving an Account of Oneself. A Critique of Ethical Violence, New York (Fordham UP) 2005
Undoing Gender, London / New York (Routledge) 2004
Precarious Life. The Powers of Mourning and Violence, London (Verso) 2003. Aus dem Amerik. von Karin Wördemann: Gefährdetes Leben. Politische Essays, Framkfurt./M. (Suhrkamp) 2005
workshop
Queer, Sexualpolitiken und der Menschenrechtsdiskurs
Der Workshops behandelt die ambivalente Politik der Menschenrechte, insbesondere im Hinblick auf Sexualpolitiken und die Anfechtung heteronormativer Geschlechterverhältnisse. Die Menschenrechte sind keine voraussetzungslosen oder unhinterfragbaren Gegebenheiten, sondern immer vorläufiges Ergebnis fortdauernder politischer Kämpfe. Deshalb möchten wir den Menschenrechtsdiskurs auch als politisches Instrument verstehen und analysieren. Das bedeutet, sich kritisch mit der eurozentristischen Geschichte der Menschenrechte zu befassen und die rassistische Gewalt herauszustellen, die unter Berufung auf die Menschenrechte verübt wird und die von zivilisatorischen Missionen bis zu militärischen Interventionen reicht. Zugespitzt ließe sich fragen: Unter welchen Umständen wird der Menschenrechtsdiskurs selbst zu einer Menschenrechtsverletzung?
Aus queerer Sicht werden einerseits das zumeist heteronormative Menschenbild sowie die verborgenen Machtpolitiken und der Universalismus des Menschenrechtsdiskurses problematisiert. Andererseits hat die Berufung auf Menschenrechte in den weltweiten Frauen- und Homobewegungen eine lange Tradition, und auch im Kontext der Intersexualitäts- und Transgender-Bewegungen erscheint sie als wichtiges Instrument, um gegen die rechtlichen, medizinischen und sozialen Praxen der Zurichtung im Sinne der Zwei-Geschlechter-Ordnung vorzugehen. In welchem Verhältnis stehen diese Strategien zu dem queeren Anspruch, die Regimes normativer Heterosexualität und rigider Zweigeschlechtlichkeit in Frage zu stellen, ohne dabei erneut normative Zuschreibungen und Ausschlüsse, Hierarchisierungen und Normierungen zu produzieren? Kann es queere Menschenrechtspolitiken geben und wenn ja, wie könnten diese aussehen?
Transgender- und Intersexualitätspolitiken fordern den Menschenrechtsdiskurs auf besondere Weise heraus, da sie die Zweigeschlechtlichkeit in Frage stellen, die als unreflektierte Prämisse auch in den Menschenrechtsdiskurs einfließt. Hierbei verwebt sich das rechts- mit einem repräsentationspolitischen Problem, denn es fragt sich, wie Darstellungen von Körpern und Subjektivitäten entworfen werden können, die nicht der Zwei-Geschlechter-Norm verpflichtet sind. Reproduzieren Menschenrechtspolitiken Bilder von KörperSubjektivitäten, die ihrerseits Integrität verletzen bzw. normalisierend wirken? Kann eine queere Menschenrechtspolitik durch Repräsentationsstrategien unterstützt werden?
Der Workshop beruht auf gemeinsamen Diskussionen aller Teilnehmer_innen und vertiefenden Arbeitsgruppen, inspiriert durch den Vortrag von Judith Butler und weitere Beiträge von:
Konstanze Plett (Dr. jur., Universität Bremen):
Menschenrechte und oder ohne Geschlecht
Das Recht ist nicht nur Herrschaftsinstrument, sondern in seiner modernen säkularen Version dank der grundsätzlichen Anerkennung der Menschenrechte zugleich ein Instrument, um Teilhabe und Anerkennung der je eigenen Identität einzuklagen. Allerdings gelingt dies nicht immer und nicht überall und schon gar nicht auf Anhieb, da die Menschenrechte (und besonders das ihnen zu Grunde liegende Bild von Geschlecht) nicht so universell ausgestaltet sind, wie der „herrschende“ Menschenrechtsdiskurs glauben machen will. Zu diskutieren sind Möglichkeiten und Widerstände einer Beteiligung am Menschenrechtsdiskurs.
J.V. Sturm (ASCA, Universität Amsterdam) / Skadi Loist (Universität Frankfurt/M.)
(Menschenrechts-)politik als 'visibility project'?
Welche und wessen Sichtbarkeit fördern oder fordern Menschenrechte oder wer wird über Sichtbarkeit eventuell "verunmenschlicht"? Welche visuellen (Körper-)Differenzen spielen eine Rolle bei der Kategorisierung vom Menschen als sichtbaren Mensch?
Diskussion anhand kurzer Film- / Videoausschnitte.
Zum Download:
Konzept:
> konzept-programm-leitfragen.pdf
Input I:
> Plett Menschenrechte Geschlecht.pdf
Protokoll I:
> Partikularität vs Universalität
ausstellung
Behauptungen ausstellen :: Haltungen einnehmen :: Strike a pose!
Behauptungen ausstellen :: befasst sich mit den Prozessen der Herstellung von Zweigeschlechtlichkeit, ihrer Gewaltförmigkeit, dem produktiven Scheitern an ihr und den Strategien des Unterlaufens geschlechtlicher Eindeutigkeit.
Mit der Hilfe von Zeichen :: Sprachen :: Bildern verfolgen die Teilnehmer_innen die Konstruiertheit von Zweigeschlechtlichkeit, deren Ordnungen :: Vokabularien :: Referenzen ihre Verbindungen und Grenzen durch die Ausstellungsräume ziehen.
Gesucht :: postiert :: gefunden? werden die Körper, die als Fixpunkte und Austragungsflächen nicht glatt in den Normen der Zweigeschlechtlichkeit aufgehen können und wollen, sondern als Orte des (produktiven) Scheiterns Spuren hinterlassen und Zeichen setzen, die der Eindeutigkeit ein Schnippchen schlagen und das wünschenswerterweise wahrscheinlich „das System“ in Gefahr bringen.
Referenzpunkt der Ausstellung ist eine Fotoserie, die die Künstlerin Marianne Wex in den 70er Jahren unter dem Titel «“Männliche“ und „weibliche“ Körpersprache als Zeichen patriarchaler Machtverhältnisse» entwickelt hat. Ausgehend hiervon werden aktuelle Positionen und Arbeiten gezeigt und in Workshops entwickelt, die sich mit den Prozessen der Herstellung und des Unterlaufens geschlechtlicher Eindeutigkeit befassen. Es werden ausserdem verschiedene Zeitströmungen und ihre Diskursre repräsentiert, die politische und (sub)kulturelle Bedingtheiten als Material für künstlerische Produktion nutzen und ermöglichen.
Hierbei geht es darum, die Möglichkeiten von Haltungen und Posen als einzunehmende und abzubildende und den Gestus des Herstellens auszuloten. Auch im Hinblick darauf, was erlaubt, Wünsche vor-, Differenzen dar- und Behauptungen aufzustellen, ohne vorrangig etablierte Geschlechterkategorien zu bestätigen.
Mit Arbeiten von: Marianne Wex und Stefanie Bentrup, Monika Dillier, Ines Doujak, durbahn, Karin Erni, Wiebke Frieß, Janna Joke Janssen, Janina Johannsen, KAP (www.lodypop.ch), Melani Klaric´, Karin Kröll, Muda Mathis, Jenni Ramme, Chris Regn, Christina Schäfer, Fender Schrade, Yam, Sus Zwick und Beteiligten des Workshops „queer Kunst machen“ und aus der „Sammlung Helga Broll“
Kuratiert von: Chris Regn / Galerie Helga Broll (www.galerie-broll.com)
Im Vorfeld findet der Workshop „queer Kunst machen“ (27-29. April) statt.

Workshop
Queer Kunst Machen
Fr.-So. 27-29.April
Anmeldung: HB@Galerie-Broll.com
Kategorien schränken uns ein, aber gleichzeitig sind wir von ihnen angezogen, produzieren neue, kaum das wir alte losgeworden sind, und versammeln uns in ihnen.
Der Workshop findet im Vorfeld der Ausstellung "Behauptungen aufstellen :: Haltungen einnehmen :: Strike a pose!" statt und bietet Künstler_innen die Möglichkeit ein Wochenende lang in kooperativen Praxen den Ausstellungsraum unter dem Motto "queer kunst machen" einzunehmen und auf die öffentliche Präsentation hin zu gestalten. Queer arbeitet in diesem Zusammenhang an Behauptungen und Kategorien, an Haltungen und Posen.
Behauptungen und Kategorien funktionieren als normative Regulierungen, als Grenzzäune und Ausschlussrezepte, aber auch als mögliche gemeinsame Positionen, als Anrufungen, Einladungen und Aufenthaltsräume. Sie sind ein wichtiger Modus, um Körper in die Zweigeschlechtlichkeit hinein zu locken, hinein zu zwingen: Sie regen an, Haltungen einzunehmen, zu posieren. Behauptungen und Haltungen inszenieren gemeinsam Verhältnisse von Zeichen, Körper und Raum. Räume und Körper werden damit zum Material, an dem sich Normen und Gewalt, aber auch Strategien des Scheiterns, des Unterlaufens, der Mis-Identifikationen vollziehen. Und sie fungieren als Fetische dissidenten Begehrens.
„queer Kunst machen“ knüpft an den Workshop "Queere Kunst. Theorie. Politik" an, der, initiiert von Renate Lorenz, mit Christine Campe, Inken Holtmann, Sonja Mönkedieck, Yara Spaett, Wibke Straube, Tim Stüttgen, Christiane Wehr, im April 2006 an der HfbK Hamburg stattfand.
Programm im Kontext der Ausstellung
Filmabend
die gefühlte Hose
Sa. 12. Mai, ab 20.00Uhr
Metropolis Kino, Dammtorstr. 30a, Hamburg Neustadt
Ein von persönlichen Vorlieben geleiteten Programm mit Filmen und Videos, in ganzer Länge und in Ausschnitten, moderiert und kommentiert von sechs Spezialist_innen von bildwechsel und die lesbisch schwulen Filmtage Hamburg: Vorstellungen von der "virilen Frau" und verschiedenen Maskulinitäten füllen Rollen und Bänder. Dort sind unterschiedlichste Inhalte, Erzählungen, Gefühlslagen und moralische Vorstellungen am Start. Unsere Emotionen kochen. Wir zeigen euch was uns bewegt.
das doublefeature "Hosen"
20:00 die Hosenrolle - ein Format in Film, Oper und Theater
21.15 die gefühlte Hose
