neoliberal queer


Neoliberale Diskurse präsentieren Marktfreiheit als Garant individueller Freiheit und Selbstbestimmung. Unter dem Label Diversity wird Anerkennung für zuvor ausgeschlossene Differenzen versprochen. Zugleich haben neoliberale Formen der Liberalisierung den Effekt, dass Differenz domestiziert, kommerzialisiert und normalisiert wird. Beispielhaft zeigt sich bezogen auf schwul_lesbische Lebensweisen, wie die Anerkennung als Konsument_innen und (Kreativ-)Arbeitskräften einhergeht mit institutionalisierter Politik, die Integration propagiert und auf eine Rhetorik der Toleranz setzt. Die so genannte pink economy hat sexuelle Identität als Marktfaktor erkannt. Zugleich verlangt die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen Menschen ab, Differenz als kulturelles Kapital zum Einsatz zu bringen und somit quasi ihr „Anderssein“ zu vermarkten und stereotypgerecht zu performen.

Auch Gender wird auf neue Weise als Wirtschaftsfaktor ausbeutbar; sei es durch Integration des Themas Trans* in den Medien- und Kulturmarkt, sei es als flexibilisierte Elternschaft, sei es im Kampf um das „Humankapital“ der weiblichen Führungskraft. Anstelle einer Auflösung geschlechtlicher Arbeitsteilung und Ungleichheitsverhältnisse werden vergeschlechtlichte Positionen auf dem Arbeitsmarkt noch subtiler, feinmaschiger und subjektiver ausgestaltet. Die emotionale und soziale Leistung, den Anforderungen einer kohärenten, passförmigen und doch höchst individuellen Geschlechtsidentität gerecht zu werden, durchzieht als „sexuelle Arbeit“ (Renate Lorenz/Brigitta Kuster) sämtliche Lebensbereiche.

Bedeuten diese Entwicklungen, dass queere Politiken in den gesellschaftlichen Mainstream der neoliberalen Marktlogik integriert werden und ihre Radikalität verlieren? Sichert „Homonormativität“ (Lisa Duggan), ein Normregime, das bestimmte Formen der Homosexualität als „ganz normal anders“ gesellschaftsfähig machen möchte, die kapitalistische Ordnung ab? Oder tragen queere Positionen auch dazu bei, dass alternative Ökonomien entstehen, die globale und sexuelle Gerechtigkeit gleichzeitig befördern?

BISHERIGE VERANSTALTUNGEN

the new homonormativity:
the sexual politics of neoliberalism

Lisa Duggan
Vortrag, 12. April 2006, Universität Hamburg

Angesichts dessen, dass die Lesben- und Schwulenbewegungen der USA ihre Herkunft aus den linken Bewegungen vergessen und verstärkt konservativ auftreten, um in der Mainstreampolitik mitzumischen, schlägt Lisa Duggan Homonormativität als Analysebegriff vor. Homonormative Bilder wohlhabender monogamer Paare, die dem Konsum huldigen, verdeutlichen das Modell neoliberaler Gleichstellungsforderungen. Der Kampf um Rechte dient der Angleichung an den heteronormativen Mainstream.

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Sexualität und Ökonomie

Arbeitsgruppe (Berlin), 2007-2010

Bestreben dieser Arbeitsgruppe ist es, Sexualität, Geschlecht und Ökonomie in ihrer Verflochtenheit zu durchdenken. Ausgangspunkt war die Frage, wie die Geschichte des Kapitalismus und des Sexualitätsdispositivs ineinander verzahnt sind. Vor diesem historischen Horizont widmen sich die Forscher*innen der Frage, wie queere Heteronormativitätskritik zur Kapitalismuskritik beitragen kann und welche alternativen Ökonomiemodelle und queeren Utopien denkbar sind. 2007 wurden im Rahmen eines zweitägigen Workshops diese Problemstellungen ausgiebig behandelt und die Diskussionsergebnisse der vorhergehenden Treffen gebündelt zusammengetragen.

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Gaga Feminism:
Rethinking Queer Anarchy

Jack Halberstam
Vortrag und Diskussionsveranstaltung, Silverfuture, Berlin, 27. Januar 2013

Jack Halberstam, Schöpfer*in des „Gaga Feminism“ berichtet über gagafeministische Vorbot*innen eines Wandels, der unsere Vorstellungen von Verwandtschaft, Geschlecht und Sexualität radikal umkrempeln wird. Wie wir diesen Wandel beschleunigen können, indem wir selbst „gaga“ werden und was das alles mit queerer Anarchie zu tun hat, diskutieren er und Jana Günther.

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Encountering Sexual Aliens:
State Sovereignty and the Heteronormative Mechanism
at Work on the Margins of Taiwan

Antonia Chao
The Subtle Racializations of Sexuality 4
Vortrag, 24. April 2012, ICI Berlin

Der Vortrag basiert auf einer ethnografischen Forschung, die in den drei Kreuzungsplätzen der Staatsgrenzen von Taiwan durchgeführt wurde, und beleuchtet die Intersektionen zwischen Grenzkontrolle, Staatssouveränität, nationaler Zugehörigkeit und ‚perversen Sexualitäten‘. Der Fokus liegt auf drei Formen von Subjekten, die als sexuelle Aliens betrachten werden und deren trans-migratorische Akte das Prinzip der biologischen und heterosexuellen Reproduktion übertreten.

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The Cost of Getting Better:
Ecologies of Race, Sex, and Disability

Jasbir Puar
The Subtle Racializations of Sexuality 1
Vortrag, ICI, Berlin, 7. Juni 2011

Gibt es ein Potenzial für affektive Konnektivitäten und Geselligkeiten, um neoliberale Stratifizierung umzudenken? Diskurse rund um queeren Suizid reproduzieren problematische Vorannahmen nicht nur über race, Klasse und Gender, sondern auch über körperliche Gesundheit, Schwächen und Stärken. Jasbir Puar verbindet diese mit Dan Savage’s „It Gets Better“-Kampagne.

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subtil? wie sexualität rassisiert wird

Teil der Reihe: The Subtle Racialization of Sexuality
Workshop am 23./24. April 2012, TrIQ, Berlin

Wie wird mit Sexualität Politik gemacht? … von Seiten des Staates, der queer-feministischen Bewegungen, in den Medien? Wie können politische Kämpfe gegen Homophobie, Hetero- und Körpernormativität sowie Rassismus produktiv ineinandergreifen? Ist „subtil“ der richtige Ausdruck, wenn Sexualpolitiken so häufig ihre Verwicklung mit Kolonial- und Migrationsgeschichte ignorieren? Der Workshop vertieft Diskussionen der Vortragsreihe „The Subtle Racialization of Sexuality“, indem Erfahrungen und Erkenntnisse aus Projektarbeit und Aktivismus eingebracht werden.

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Queere Kritik neoliberaler Regierungsweisen und Ökonomie

Arbeitsgruppe (Hamburg/Bremen), 2006-2008.

Die Infragestellung der heterosexuellen Norm ruft diverse soziale und politische Abwehrreaktionen hervor. Nichtsdestotrotz lässt sich in spätmodernen Gesellschaften eine Pluralisierung geschlechtlicher und sexueller Existenzweisen beobachten. Inwiefern dienen neoliberale Allianzen mit sexuellen Lebensstilen und/oder sexualpolitischen Bewegungen dabei der Durchsetzung neuer Hierarchien und Normalisierungen? Die Arbeitsgruppe befasst sich mit der neoliberalen Individualisierungsanforderung in ihrer Doppeldeutigkeit als Versprechen und Zwang. Es wird nach aktuellen Formen des Zwangs gefragt, die das Verhältnis von Sexualität und Ökonomie bestimmen. Wie bindet die Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen das Sexuelle ein und verknüpft es mit anderen Formen sozialer Differenzierung?

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GeoCultures & Panic: Perverted

Irit Rogoff und Ana Hoffner
Vortrag und Performance, Berlin ICI, 24. November 2008

Die Begegnung zwischen GeoCultures: Circuits of Art and Globalisation (Irit Rogoff) und Panic: Perverted (Ana Hoffner) stellt ein Experiment dar. Erprobt werden soll, was passiert, wenn das Thema der globalen Migration von Körpern und Bildern zugleich künstlerisch, in diesem Falle durch Anas performance, und akademisch, nämlich durch Irits Vortrag, angegangen wird. Inwiefern inspirieren sie sich gegenseitig? Welche Rolle kommt dem Publikum hierbei zu?

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Feminismus
– Staatsaufgabe? Wirtschaftsfaktor? Revolte?

Panel-Diskussion, Workshop, Radialsystem, Berlin, 8. August 2008

Feminismus ist von der offiziellen Politik entdeckt worden – nunmehr bestimmt durch Wahlkampf-Strategien, globale Ökonomie und akademische Karriereplanung. Findet dies seine Grenzen dort, wo nicht nur Gleichstellung von Mann und Frau gefordert, sondern die Idee der Geschlechterbinarität in Frage gestellt wird? Was heißt es für den Staatsfeminismus, wenn Aktivist*innen darauf beharren, dass Geschlechterverhältnisse mehr als zwei Gender kennen (sollten) und Gender sich zudem im Wechselspiel mit anderen Prozessen sozialer Differenzierung wie Erziehung, Postkolonialismus, Rassismus, Prekarisierung und Globalisierung sowie Heteronormativität vollzieht?

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Desiring Just Economies / Just Economies of Desire

Konferenz, ICI,Berlin, 24.–26. Juni 2010

Auf der Konferenz wurde danach gefragt, wie Begehren aktuelle Ökonomien aufrecht erhält, jedoch auch das Potenzial birgt, neue Formen des Wirtschaftens oder des Verstehens von Ökonomie zu inspirieren. Kernvorschlag war, dass Begehren als methodischer Ansatz Zugänge eröffnet, um sowohl die sexuellen Dimensionen der Ökonomie als auch die ökonomischen Dimensionen der Sexualität zu untersuchen. Die inspirierenden Diskussionen der Konferenz sind eingeflossen in die 2015 publizierte Aufsatzsammlung Global Justice and Desire: Queering Economy, die Dank der Reflexionen im Nachklang der Konferenz den methodisch-konzeptionellen Blick auf das Begehren um die Perspektive umfassender sozialer und sexueller Gerechtigkeit erweitert.

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