A_Sozialität

Forschungsprojekt und Veranstaltungsreihe ab Herbst 2021

Auf queere Weise sozial und umsorgt zu sein, verspricht Zugehörigkeit jenseits von Heteronormativität und Normalitätszwängen. Aber soziale Beziehungen, und seien sie noch so queer, sind weder frei von Gleichgültigkeit, Unkalkulierbarkeit, Aggression und Konflikt, noch können sie von Gewalt abgeschirmt werden. Zumindest als historisches Erbe sowie in sprachlicher und struktureller Form durchdringt Gewalt das Soziale. Ungebrochene Friedfertigkeit, pure Beziehungsfreude oder sichere Räume sind illusorisch. Inwiefern eröffnet kollektiv verantwortete Aufmerksamkeit (awareness) angesichts dessen neue soziale Praxen?

A_Sozialität bezeichnet Sozialität, deren Verwicklung mit Indifferenz, Aggression oder Gewalt eingestanden wird. Dieser Begriff erlaubt es, fließende Übergänge zwischen Sozialität, Anti-Sozialität und Asozialität wahrzunehmen. Ist es notwendig, Überlappungen und Gleichzeitigkeit einzuräumen, um Machtverschiebungen zu bewirken und Herrschaftsverhältnisse anzufechten? Sind es Awareness-Teams, die der A_Sozialität Aufmerksamkeit schenken? Und kommt das wary der awareness hierbei zum Zuge, das neben achtsam, umsichtig auch argwöhnisch, misstrauisch und skeptisch bedeutet – a_wariness? Welche Rolle kommt Aggressionen zu? Ist eine Neubewertung von Mikroaggressionen nötig? Gibt es queere Ansätze, die Aggressionen aufgreifen, so dass sie als Werk- oder Spielzeuge ein Ringen um Gewaltfreiheit unterstützen?

Sich der A_Sozialität zu stellen, heißt dem Entweder/Oder von sozial versus anti-sozial zu entkommen. Welche politische Bedeutung kommt der Negativität des Anti-Sozialen zu, wenn es darum geht, falsche Integrationsversprechen, strukturelle Diskriminierung und diskursive Gewalt zu kontern? A_Sozialität heißt auch, das verunglimpfende Wort „asozial“, ein Label, das Menschen Leid und Tod gebracht hat und bringt, durch queering umzuwerten. Kann sich aus der entwertenden Zuschreibung eine Sozialität entwickeln, die Aggression in politische Wut verwandelt? Um Konflikte als Machtauseinandersetzungen zu verstehen und zu transformieren, sei es in persönlichen Beziehungen oder politischen Bewegungen, gilt es von der A_Sozialität aus zu starten.

Antke Antek Engel (September 2021)

Dank: Dieser Text wäre nicht entstanden ohne Inspirationen durch: Leo Bersani, Judith Butler, Max Czollek, Elsa Dorlin, Lee Edelman, Fatima El-Tayeb, Jin Haritaworn, Mathias Klitgård, Laura Jung, Martin F. Manalansan, Robert McRuer, Jose Esteban Muñoz, Yv Nay, Elizabeth Povinelli, Eva v. Redecker, Emilia Roig, Sarah Schulman, Francis Seeck, Kath Weston, welche alle entweder zu queerer Sozialität und Care und/oder damit einhergehender Negativität, Aggression, Konflikt oder Durcheinander und/oder zu QTBPoC or queer crip Gemeinschaften, die Gemeinschaft queeren, geschrieben haben.